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1862 -  2012 (Eröffnung 04. August 1862)
Hohenloher Zeitung, Samstag, 04. August 1962, Nr. 178, Seite 3

Vor die Tore der Stadt baute die Eisenbahn den Oehringer Bahnhof
Zweihundert Gulden für einfache und geschmackvolle Dekoration / Regina die Nachtschwärmerin / Das Bedürfnis nach Speise und Trank bejaht


Oehringen (wb). Schon die Amtsvorfahren der Oehringer Stadträte waren Leute die dem Einfachen und Geschmackvollen anhingen. Der Beweis dafür ist hundert Jahre alt. Geliefert wurde er bei der Debatte im bürgerlichen Kollegium ob und in welcher Weise sich die Stadt bei den Eröffnungsfeierlichkeiten der Eisenbahn beteiligen solle. Alle scheinen nicht dafür gewesen zu sein. Denn es wird nur von einer Mehrheit berichtet, die eine einfache und geschmackvolle Dekoration des Bahnhofs und seiner Umgebung für genügend hielt Trotzdem waren dafür 200 Gulden nötig. Da sich Oehringen auch damals vom Kreis gern etwas schenken ließ bekam es hundert Gulden von der Amtsversammlung “verwilligt”, wenn die Stadt Oehringen den gleichen Betrag auswerfe.
Der Bau der Eisenbahnlinie brachte seinerzeit mehr Unruhe in das stille Oehringen als es der Bau einer Autobahn samt Umgehungsstraße je wird bringen können. Es fing schon 1860 an: “Aus Anlaß des Beginns der Eisenbahnbauten wird ein starkes Zusammenströmen von Arbeitern herbeigeführt und soll daher die Frage der Notwendigkeit entsprechenden Verstärkung des Polizeipersonals in reifliche Erwägung genommen werden.” Es ist durchaus möglich, daß die schöne Regina Nebhut vor hundert Jahren nur deswegen als Nachtschwärmerin verurteilt wurde, weil sie den Eisenbahnarbeitern die nächtliche Langeweile zu verkürzen gedachte.
Die Eisenbahn brachte viel Segen ins Land. Nicht nur dem Oehringer Kleiderreiniger, der sein vorzügliches Fleckenwasser zu den Einweihungsfeierlichkeiten anpries. Die ganze Bürgerschaft hatte ihren Nutzen. Denn mit der Eisenbahn kamen die ersten Oehringer Straßenlampen, Der Gemeinderat von damals scheint bei allen sonstigen guten Eigenschaften etwas lichtscheu gewesen zu sein, denn er mußte sich vom Königlichen Oberamt darauf aufmerksam machen Iassen, daß sich die “Notwendigkeit der Stra­ßenbeleuchtung im Interesse des Verkehrs als auch der Sicherheit mehr und mehr dem Publikum aufdränge”. Der Gemeinderat beeilte sich, dem Königlichen Oberamt zu willfahren und faßte nach langer Beratung den Beschluß, zwölf Laternen aufzustellen und als Brennstoff Schieferöl zu verwenden. Bei den lichtvollen Ausführungen im Kollegium ist aber düster vermerkt worden, daß wohl der Bitte nicht entsprochen werde, den Bahnhof mehr in die Nähe der Stadt zu verlegen.
Wäre es nach dem Willen des Gemeinderats gegangen, stünde der Bahnhof heute wohl am Hafenmarkt. So dumm waren die Stadtväter von anno dazumal aber auch nicht. Denn wäre der Bahnhof an den Hafenmarkt gekommen, hätte die Stadt nicht die Straße zum Bahnhof zu bauen brauchen. So mußte sie für dieses Projekt etwa 4000 Gulden aufwenden und davon noch 3400 Gulden als Darlehen aufnehmen. Wer weiß, wie sparsam die alten Oehringer waren, kann auch ermessen, wie schmerzlich es für den Gemeinderat war, daß die Eisenbahn so weit draußen vor den Toren der Stadt ihren Bahnhof hinstellte.
Die Oehringer Sparsamkeit spricht auch aus der Abneigung gegen städtische Latrinen. Da man zu jener Zeit noch keine Münzautomaten kannte und folglich auch mit Einnahmen nicht rechnen konnte, vertrat das StadtschuItheißenamt die Auflassung, daß für eine städtische Latrine in der Nähe des Bahnhofs kein Bedürfnis bestehe, zumal die Königliche Eisenbahnverwaltung um Herstellung einer Latrine angegangen wurde. Ganz anders urteilte der ehemalige Gemeinderat über die Bedürfnisse nach Speise und Trank. Wohl ausgehend von den eigenen Empfindungen debattierte er sehr lange über die “erhebliche Frage zur Errichtung einer Wirtschaft in den Gartenparzellen beim Bahnhof”. Diese Frage wurde einstimmig bejaht. Es ist schon für das bloß per Eisenbahn durchreisende Publikum öfters Bedürfnis auf der Station Oehringen Gelegenheit zu einer in gutem Getränke bestehenden Erfrischung zu erhalten, wozu die Zeit des Verweilens der einzelnen Züge, wenn der Gastwirt oder sein Gehilfe parat sind, ganz bequem ausreicht”.
So eilig hatte man es damals nicht. Der Zug hielt so lange, bis ein Viertele geleppert war. Die Züge drängten sich aber auch auf der Strecke nicht. In den ersten Jahren waren es nur sechs Züge am Tage. Und groß scheinen sie auch nicht gewesen zu sein. Daß aber Oehringen ein bedeutender Bahnhof war geht aus alten Zeugnissen hervor. Etwas später, vor der Jahrhundertwende wurden in einem Jahr im Oehringer Bahnhof 183.000 Mark eingenommen und nur 14.679 Mark ausgegeben. Beschäftigt waren im Oehringer Bahnhof fünf Beamte vier Unterbeamte und fünf Arbeiter. Die Personenfrequenz war häufig so stark, daß der kleine Wartesaal das reisende Publikum nicht fassen konnte, so daß “dasselbe gezwungen war, sich auf der Collonade oder ganz im Freien aller Witterung preiszugeben”. Damit die vom Bahnhof kommenden oder zum Bahnhof gehenden Reiseden nicht behindert wurden, wurde es auch verboten. auf dem Trottoir der Zufahrtsstraße zum Bahnhof zu fahren, zu reiten oder den Schubkarren zu schieben.   n